Spielt doch nicht immer die Überlegenen Nun seid doch mal still, hört auch uns einmal an, denn alleine nur uns trifft wohl nicht die Schuld. Ihr wart doch froh, dass vor vierzig Jahren ihr bereits auf der richtigen Seite gewohnt.
Natürlich habt ihr uns bedauert Und habt uns Päckchen geschickt Und habt bei Machtaufzügen bedächtig mit den Köpfen genickt.
Doch dabei bliebs, nur wenige gabs die ehrlich den Kampf gewagt und bereits vor vielen Jahren schon, der Sattheit den Kampf angesagt.
Nun stellt ihr euch hin und spielt die Überlegenen, sprecht von Faulheit gar und von schmutziger Welt. Was wisst ihr denn wirklich, wie auch wir geschuftet- für unsere Welt., für unser Geld.
Wir kannten die andere Seite nicht, denn das Reisen blieb uns versagt. Und die wenigen, denen es erlaubt, die schwiegen oder waren zu alt.
Ja, es stimmt, es ist bei uns alles grau in grau, doch es war ja nichts da zum Kaufen. Nach etwas Zement, nach Fliesen, nach Holz, mussten wir uns die Hacken ablaufen.
Aus alt mach neu, das war unsere Devise, viele entwickelten großes Geschick. Nun tretet ihr es in den Dreck- verachtet es nicht! Es war einmal unser einziges Glück!
Glaubt uns, auch wir wollen saubere Straßen, wollen Häuser voller Farbe und Licht, doch wenn’s keine Arbeit zum Geldverdienen gibt, dann auch wenn ihrs nicht wahrhaben wollt- vertiefen die Kluften sich.
Scheinheiligkeit, die zum Teilen bereit, ist wie Prickeln von Sekt, es verfliegt, was zurückbleibt ist nur schaler Geschmack, der lange anhält, aber nichts Gutes bringt.
Reicht uns die Hände, teilt die Mark, wir wollen sie nicht verprassen. Wir möchten so gern auch unsere Welt der eurigen farbigen anpassen.
Nicht hemmungsloses Gewinnstreben soll unsere Zukunft verbinden, sondern Liebe, Verstand und Harmonie soll vom einigen Deutschland künden.
Materialistisches Denken, Streiks und Protest resultieren aus zweierlei Maß, das Produkt Arbeit ist nicht schlechter bei uns, doch wie es bezahlt wird, ist außer dem Spaß.
Dies treibt die Jugend von uns weg, sie verdient“ jenseits der Mauer“ mehr Geld. Die Wurzeln lösen sich von hier, unsere Enkel kennen nicht mehr die sächsische Welt.
Ihr echauffiert euch über Frust und Gewalt, seht doch mal richtig her, was uns bewegt. Sparen dort, wo nichts mehr ist, hat noch nie ein Rad der Geschichte bewegt.
Drum sucht nicht nur die Schuld bei uns, was habt IHR für die Einheit getan? Sucht nicht erst bei allen andern die Schuld, fangt endlich bei euch selbst mal an!
Gisa Neumann April 1993
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