fussle :: site seeing

Donnerstag, 9. September 2010

fussle :: site seeing
fussle :: site seeing
 
 

Startseite > Gedichte und Texte

Spielt doch nicht immer die Überlegenen


Nun seid doch mal still, hört auch uns einmal an,
denn alleine nur uns trifft wohl nicht die Schuld.
Ihr wart doch froh, dass vor vierzig Jahren ihr bereits auf
der richtigen Seite gewohnt.

Natürlich habt ihr uns bedauert
Und habt uns Päckchen geschickt
Und habt bei Machtaufzügen bedächtig mit den Köpfen genickt.

Doch dabei bliebs, nur wenige gabs
die ehrlich den Kampf gewagt und
bereits vor vielen Jahren schon,
der Sattheit den Kampf angesagt.

Nun stellt ihr euch hin und spielt
die Überlegenen, sprecht von Faulheit gar und von
schmutziger Welt.
Was wisst ihr denn wirklich, wie auch wir geschuftet- für
unsere Welt.,
für unser Geld.

Wir kannten die andere Seite nicht,
denn das Reisen blieb uns versagt.
Und die wenigen, denen es erlaubt,
die schwiegen oder waren zu alt.

Ja, es stimmt, es ist bei uns alles grau in grau,
doch es war ja nichts da zum Kaufen.
Nach etwas Zement, nach Fliesen, nach Holz,
mussten wir uns die Hacken ablaufen.

Aus alt mach neu, das war unsere Devise,
viele entwickelten großes Geschick.
Nun tretet ihr es in den Dreck-
verachtet es nicht!
Es war einmal unser einziges Glück!

Glaubt uns, auch wir wollen saubere Straßen,
wollen Häuser voller Farbe und Licht,
doch wenn’s keine Arbeit zum Geldverdienen gibt,
dann auch wenn ihrs nicht wahrhaben wollt-
vertiefen die Kluften sich.

Scheinheiligkeit, die zum Teilen bereit, ist wie Prickeln von Sekt,
es verfliegt,
was zurückbleibt ist nur schaler Geschmack, der lange anhält,
aber nichts Gutes bringt.

Reicht uns die Hände, teilt die Mark,
wir wollen sie nicht verprassen.
Wir möchten so gern auch unsere Welt
der eurigen farbigen anpassen.

Nicht hemmungsloses Gewinnstreben soll
unsere Zukunft verbinden,
sondern Liebe, Verstand und Harmonie
soll vom einigen Deutschland künden.

Materialistisches Denken, Streiks und Protest
resultieren aus zweierlei Maß,
das Produkt Arbeit ist nicht schlechter bei uns,
doch wie es bezahlt wird, ist außer dem Spaß.

Dies treibt die Jugend von uns weg,
sie verdient“ jenseits der Mauer“ mehr Geld.
Die Wurzeln lösen sich von hier,
unsere Enkel kennen nicht mehr die sächsische Welt.

Ihr echauffiert euch über Frust und Gewalt,
seht doch mal richtig her, was uns bewegt.
Sparen dort, wo nichts mehr ist,
hat noch nie ein Rad der Geschichte bewegt.

Drum sucht nicht nur die Schuld bei uns,
was habt IHR für die Einheit getan?
Sucht nicht erst bei allen andern die Schuld,
fangt endlich bei euch selbst mal an!

Gisa Neumann
April 1993

 

Letzte Änderung: 03. März 2008

Copyright © 2001 - 2010 :: www.fussle.de :: Peter Neumann
Alle Rechte vorbehalten. Warenzeichen und Marken sind Eigentum der jeweiligen Inhaber.