Man hat die Menschen vergessen Bitternis steigt in mir auf, wenn ich der Mauer gedenke - Des gefährlichen Wurms, der durchs Land sich wandt, Menschen von Menschen trennte. Des Symbols des Friedens, der Stärke, der Macht - 100 Jahre sollte sie bleiben, für manche wurde es zum Grab, noch heute hört man das Weinen.
Die Mauer ist weg, die Straßen sind frei - doch das Trennende ist geblieben. Schlimmer noch, eine neue entstand, nicht sichtbar zwar, doch tief in die Herzen getrieben.
Die Jungen sind weg, wir bleiben hier und kämpfen ums Überleben. Haben wir doch vierzig Jahre und mehr dem Land das Gepräge gegeben.
Die Mauer ist weg, ihre Steine verkauft, man trug sie in alle Welt. Dort sollen sie künden vom Unrecht bei uns - Das traurigste Symbol unseres Landes, es bringt uns noch Geld.
Die dort geschossen, sie stehn vor dem Richter. Die dort befahlen, sie scheuen das Licht. Die drum weinten werden gefilmt gar, nur die dort starben, von denen weiß man nichts.
Das Wasser sei nun besser, so sagte man uns, auch könne man’s manchmal gar trinken, die giftigen Schlote schweigen sich aus, die Betriebe sind am Verschwinden.
Still ist die Stadt, fast sauber die Luft und dunkel die Fenster am Morgen. Das - und dass ich vielleicht keine Arbeit mehr hab, das macht mir zunehmend Sorgen.
Mit Bitternis denk ich der Teilung des Staats in dem ich aufgewachsen, einst geprägt von Kultur, von Schönheit und Kunst - heut ist es das arme Land Sachsen.
Die Mauer, sie fiel, die Worte klangen gut, versprachen gemeinsames Glück. Doch die es gesagt, die ziehen zuerst beim Geben die Hand zurück.
Ob Steuern, ob Mieten, ob Gewalt oder Tod, alles ist sprunghaft gestiegen. Die Teilung, die vorher war optisch zu sehn, ist doppelt so hart geblieben.
Faul, dick und dumm sind Attribute für uns, sie wurden uns von jenseits gegeben. Sie verletzen und vertiefen die Kluft, kennen diese Leute unser Leben?
Scheinheiligkeit und leeres Gewäsch ist die Sprache der Schwätzer und Greiner. Doch dass sie besser sind als wir Nein - das erzählt mir keiner!
Bitternis steigt in mir auf, wenn ich der Hoffnung gedenke, die mich durchfuhr, als in der Nacht die Mauer vom Schlag sich senkte. Im Freudentaumel - voll Hoffnung auf eine bessere Zeit - umarmten sich Freunde und Fremde, nicht ahnend, dass in kurzer Zeit eine neue Mauer sie trennte.
Die großen ziehen die Mauer hoch, die Kleinen müssen es schlucken, doch es fällt uns nicht allzu schwer, denn wir mussten im Leben bisher uns immer schon ducken.
Die Mauer ist weg, auf ihre Steine ist man versessen. Ich glaube man hat bei all dem Tumult die Menschen im Plan vergessen!
1990 Gisa Neumann
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